Die Welt aus einem Sarg sehen

Extrahiert aus The Zen Teaching of Homeless Kōdō
English version: Seeing the World from a Casket

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KODO SAWAKI:
Ein Regenschauer
Inmitten eines Streits
Über Bewässerung

Nach einer langen Trockenzeit kämpfen Bauern um Wasser für ihre Reisfelder. Mitten während des Streits kommt ein Regenschauer. Nachdem es keinen anderen Grund für den Streit gibt, verschwindet das Problem, wenn es regnet. Zwischen den Schönen und den Durchschnittlichen wird es keinen Unterschied geben, wenn sie achtzig sind. Die originale Wirklichkeit ist leer und klar.

KOSHO UCHIYAMA:
“Nachdem es keinen anderen Grund für den Streit gibt, verschwindet das Problem, wenn es regnet.” Ich möchte diesen Satz mit Bedacht lesen und seine Bedeutung genießen.

Wenn ich jetzt ausgehe, ist es durchaus möglich, dass ich einen Autounfall habe, welcher sofort mit mir Schluss macht. Diese Art von unerwartetem Tod ist heutzutage wahrscheinlicher als früher. Würde ich von einem Auto niedergefahren, dann würden alle gedanklichen Probleme, wie z.B. “Ich will dieses, ich will jenes”; mein frustrierter Ärger: “Ach . . . dieser Idiot!”; oder meine Sehnsucht nach einer gewissen Frau sich spontan auflösen, so wie der Streit über die Bewässerung sich plötzlich in Luft auflöst, wenn es zu regnen anfängt.

Solange wir leben, werden wir alle möglichen Probleme haben. Das Lebendigsein setzt solche Sorgen voraus. Aber ich glaube, es ist wichtig, sie neu zu betrachten unter der Annahme, dass wir von einem Auto niedergefahren und in einen Sarg gelegt werden könnten. Wir können unseren Geist dafür öffnen, auf gemütlichere Weise zu leben, mit dem Wissen, dass wir in unseren ichsüchtigen Einstellungen nicht mit knirschenden Zähnen und gerunzelter Stirn stecken bleiben müssen.

Kurz gesagt, Zazen bedeutet, die Welt aus dem Sarg zu sehen, ohne mich.

KODO SAWAKI:
Stellt Euch vor, wir schauen auf unsere Leben zurück, nachdem wir sterben. Wir werden so Vieles sehen, das ohne Bedeutung war.

SHOHAKU OKUMURA:
Sawaki Roshi’s Ausdruck “die originale Wirklichkeit ist leer und klar” stammt von “Xinxinming,” dem berühmten Zen Lehrgedicht, welches dem dritten Patriarchen des Zen in China, Sengcan, zugeschrieben wird. Das Gedicht beginnt wie folgt:

Der höchste Weg ist ohne Schwierigkeit, wenn du nicht wählerisch bist. Wo es weder Hass noch Liebe gibt, offenbart er sich als leer und klar.

Während einer schlimmen Trockenzeit können Bauern es nicht vermeiden, wählerisch zu sein. Ihre Felder gehören nicht anderen. Bekommen sie kein Wasser, so stirbt der Reis und es gibt keine Ernte. Im Altertum gab es während Trockenzeiten oft Streit zwischen Dörfern, die am selben Fluss lagen, und zwischen Bauern im eigenen Dorf, um auch nur ein wenig mehr Wasser für ihre Felder zu bekommen. Mitten im Streit verdunkelte sich vielleicht der Himmel und es regnete. Dann hatten die Bauern keinen Grund mehr zu streiten.

Wenn wir das ichsüchtige Urteilsvermögen abschwächen, und ohne von Hass und Liebe angetrieben leben, dann manifestiert sich der höchste Weg jenseits aller Dualität. Und wenn wir die wahre gegenseitig bedingte Wirklichkeit aller Lebewesen sehen, dann können wir uns entspannen und unseren sich anklammernden Geist öffnen. Unser Zazen bedeutet, in unseren eigenen Särgen zu sitzen und die Welt von der Nicht-Dualität, der vollkommenen Vernetzung aus zu sehen.

So wie alle Flüsse ins Meer fließen, so kehren wir nach dem Tod in die Einheit zurück. Tatsächlich leben wir stets innerhalb dieses Meeres, obwohl wir unsere Leben als separat empfinden. Ein japanischer Dichter schrieb von Flüssen, die innerhalb des Meeres fließen: Fluss und Meer sind beide Manifestationen des größeren Wasserkreislaufs. Es hängt von unserer Perspektive ab, ob wir sie als separat oder eins sehen.

© 2014 Shohaku Okumura. All rights reserved.

Image by Dino Abatzidis [CC-BY-NC-SA 2.0], via Flickr

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